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Die schottischen Nationalflaggen, die unabhängigkeitsbestrebte Flamen auf einigen Brüsseler Boulevards ausgerollt und mit Kerzen dekoriert hatten, sind mittlerweile verschwunden. Die EU atmet kollektiv auf. Nach der Devise: ”Es ist noch einmal gut gegangen”.

Der russische Präsident Wladimir Putin hätte sich nämlich die Hände gerieben, wenn ein unabhängiges Schottland nicht nur Amerikas wichtigen Bündnispartner Großbritannien geschwächt hätte, sondern durch die schottischen Zentrifugal-Kräfte letztlich auch die gesamte EU. Stattdessen haben die Schotten zwar energisch Flagge gezeigt, bleiben aber in der britischen und damit auch in der europäischen Union. Und in der NATO.

Ein unabhängiges Schottland hätte riskiert, nach peinlichen und langwierigen  Brüsseler Verhandlungen von der EU ausgesperrt zu werden. Nur weil EU-Größen wie Spanien, Frankreich und Italien Angst vor dem schottischen Unabhängigkeitsvirus haben – und befürchten, Katalanen und Basken, Korsen, Bretonen und Südtiroler könnten ihrerseits nach dem Motto “Jetzt erst recht” verstärkt für ihre Abspaltung streiten.

Nach dem gescheiterten Unabhängigkeitsvotum atmet die EU zwar auf. Sie ahnt aber, dass nichts mehr so ist wie zuvor. Denn das Motto “von den Schotten lernen” hat sich längst in vielen europäischen Köpfen festgesetzt. Schottland beweist Brüssel und den EU-Staaten, dass politisches Bürger-Engagement und hohe Wahlbeteiligung durchaus noch möglich sind. Die schottischen Unabhängigkeitsstreiter sind mittlerweile für viele andere Autonomiebewegungen ein Vorbild: weltoffen, europafreundlich und bemüht um einen sozial gerechten Staat. Sowohl Brüssel als auch einige Regierungen in Europa werden in Zukunft ihren zentralistischen Blickwinkel korrigieren und den Regionen mehr Autonomie gewähren müssen. Wenn sie nicht mit diesen Regionen einen Dauerkonflikt riskieren wollen.

Das Schottland-Referendum mit seiner basisdemokratischen Ausrichtung verändert Großbritannien und Europa. Großbritanniens Premier ist ebenso wie die Regierungen in Paris und Rom ab sofort zu mehr Föderalismus und Regional-Sensibilität gezwungen.

“Gemeinsam sind wir besser”, hieß David Camerons Devise während der Unabhängigkeitsdebatte. Mit dieser Zielrichtung wird der britische Premier in Zukunft auch die Europa-Debatte auf der Insel führen müssen. Denn in einem Punkt sind sich die rund fünf Millionen Schotten einig: Sie wollen weiter zur Europäischen Union gehören – und nicht wegen der britischen EU-Aversion aus der Europäischen Union herauskatapultiert werden, wenn es 2017 auf der Insel tatsächlich zur Gretchenfrage “Europa ja oder nein?” kommt. Weiter zu Großbritannien zu gehören, aber die EU verlassen zu müssen, das wäre für die Befürworter der schottischen Unabhängigkeit zu viel der Ironie des Schicksals. Ihre EU-Zentriertheit kann also durchaus dafür sorgen, dass die Schotten 2017 erneut auf ein Referendum dringen – weil sie sich Brüssel näher fühlen als London.

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